Ortwin Renn
Postfaktische Verunsicherung
Die Kluft zwischen Wahrnehmung und Realität bei der Risikobewertung
Zusammenfassung: In Deutschland liegt die durchschnittliche Lebenserwartung für Frauen bei 84 und für Männer bei 81 Jahren. Zu verdanken ist diese äußerst positive Entwicklung vor allem vier Faktoren: einer angemessenen und ausgewogenen Ernährung, dem medizinischen und technischen Fortschritt, relativ guter sozialer Absicherung für alle Gesellschaftsmitglieder auch der ärmeren Schichten und hohen Hygienestandards. Moderne Sicherheitstechnik, organisatorische Vorsorge und staatliche Regulierung haben das Leben für die Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten immer sicherer gemacht. Dies gilt für konventionelle Risiken wie Arbeitsunfälle, Herz-Kreislauferkrankungen, Vergiftungen und technisch ausgelöste Katastrophen. Es gilt aber nicht für die sogenannten systemischen Risiken, bei denen die Funktionsfähigkeit von ganzen Funktionssystemen wie etwa Energie, Sicherheit, Wasserversorgung oder auch öffentlicher Gesundheitsfürsorge bedroht ist. Kennzeichen von systemischen Risiken sind: hohe Komplexität, starke Vernetzung untereinander, grenzüberschreitende Auswirkungen und hoher Grad an Unsicherheit bei der Abschätzung der gekoppelten Konsequenzen. Die Krisen, die wir gerade erleben, sind nicht mehr in ihren Auswirkungen unabhängig voneinander, sondern bedingen oder verstärken einander gegenseitig. Gleichzeitig lässt sich aber beobachten, dass diese systemischen Risiken in der Bevölkerung eher unter- und viele der konventionellen Risiken überschätzt werden. Welche psychologischen und soziologischen Mechanismen und Faktoren dafür verantwortlich sind, ist in der Literatur umstritten, aber eine Verunsicherung über das, was als wahr und als moralisch gültig angesehen werden kann, sowie eine generelle Enttäuschung über die Steuerungsleistungen von Staat und Wirtschaft, gepaart mit Zukunftsangst, können als wichtige Auslöser angesehen werden.
Schlüsselwörter: Risikowahrnehmung, systemische Risiken, postfaktischer Diskurs, Demokratieverdrossenheit, Populismus, Bürgerbeteiligung, Rolle der Wissenschaft im Risikodiskurs.
Jürgen Knieling
Von der Individuation zur Planetarisation – Gedanken zu Wertewandel und Transformation in der Psychotherapie
Zusammenfassung:Dieser Beitrag geht der Frage nach, ob und wie sich Theorie und Praxis unserer Psychotherapien angesichts der globalen Krisen und der gravierenden weltweiten Umwälzungen verändern müssen. Dabei sollen die Ausführungen Anstoß und Anregung für ein Weiterdenken der LeserInnen sein. Es sind Gedanken, die herausfordern. Bei Weitem liegt mit diesem Beitrag keine ausgereifte Abhandlung des Themas vor. Im besten Fall sind die Gedanken der Beginn eines Diskurses zur Frage transformativer Veränderungen in Anbetracht der Herausforderungen unserer Zeit.
Schlüsselwörter: Klimakrise; Psychotherapie; Wertewandel; Transformation; Planetary Health