Analytische Psychologie
Zeitschrift für Psychotherapie und Psychoanalyse
Komplexe
Complexes
Inhalt
Elisabeth Schörry-Volk
Editorial
Verena Kast
Komplexepisoden: Brennpunkte in der psychotherapeutischen Arbeit
Isabelle Meier
Das Kraftfeld des Komplexes
Christian Roesler
Die Transformation der Beziehung zwischen Ich und Komplex in Traumserien aus analytischen Psychotherapien
Empirische Ergebnisse aus dem Forschungsprogramm »Strukturale Traumanalyse«
Mario Schlegel und Christa Futscher
Werkstattbericht: Assoziationsexperiment
Denkbild
Michael Péus
Der Mönch und die Kamera
Jungianische Identitäten
Jan Wiener
Eine Jungianerin aus Zufall
Andersartigkeit und Ambivalenz als paradoxe Affinitäten
Judith Noske
Gedanken verweben II
Christian Roesler
Klassische Fälle der psychoanalytischen Traumdeutung reanalysiert
Birgit Heintz
Komplex, Trauma, zwischenleibliche Prozesse und Symbolisierungen in der pferdegestützten Psychotherapie
Arthur Niesser
Vorteile der Online-Analyse
Gerhard Burda
C. G. Jung und das 21. Jahrhundert: eine Synopse
Nachruf
Hans Joachim Wilke (1931–2026)
von Kurt Höhfeld
Aus dem Archiv der Analytischen Psychologie
Hans-Joachim Wilke
Über die Schwierigkeiten, eine hinreichend gute Lehranalyse zu machen
Stefan Wolf
Wie es war, bei Hans-Joachim Wilke in Lehranalyse zu sein
Ausstellungsbesuch
Olga Slavina
»Surreal on Paper«
Statens Museum for Kunst in Kopenhagen«
September 2025 – Januar 2026
Tagungsbericht
Internationale Gesellschaft für Tiefenpsychologie (IGT)
Atempause, Seelenfunken – in Symposium zu Ehren von Prof. Dr. Dr. Ingrid Riedel
DGAP-Frühjahrstagung in Esslingen am Neckar, 19.–22. März 2026)
Angstflut oder Widerstehen — Dimensionen des Gegenwartserlebens
Buchbesprechungen
Call for papers
»Gruppen und Institutionen«
Vorschau
Förderpreis der Zeitschrift Analytische Psychologie
Richtlinien für Autorinnen und Autoren
Verena Kast
Komplexepisoden:
Brennpunkte in der psychotherapeutischen Arbeit
Zusammenfassung: Die gefühlsbetonten Komplexe sind gut beschrieben und kategorisiert: Fast alle Menschen wissen, was ein Komplex ist, diagnostizieren mit großer Sicherheit einen entsprechenden Mutter- und Vaterkomplex samt den damit verbundenen Problemen. Es ist ein Konzept, das zur Alltagspsychologie gehört. Weniger bekannt ist, wie die Komplexe entstehen, wie sie sich in der therapeutischen Arbeit zeigen, wie man mit ihnen arbeiten kann, ja, wie Jung darauf kommt, dass sie geradezu »Brenn- oder Knotenpunkte des seelischen Lebens sind« (Jung, 1921, 1960, § 925), also nicht nur Ausdruck von Konflikten, sondern auch Ausgangspunkt für Entwicklungsmöglichkeiten, die durch zwischenmenschliche Konflikte gebremst oder verunmöglicht worden sind. Die Komplextheorie ist nicht nur die Jung’sche Konflikttheorie, sondern auch eine Entwicklungstheorie: Komplexe mit ihren Emotionen beziehen sich auf die Schwachstellen, aber auch auf die damit verbundenen Herausforderungen zu neuer Entwicklung.
Schlüsselwörter: Komplex, Komplexepisoden, Episodengedächtnis, transzendente Funktion, Imagination
Isabelle Meier
Das Kraftfeld des Komplexes
Zusammenfassung:Dieser Artikel stellt einen weiteren Beitrag zur Präzisierung des Komplexkonzeptes dar und stützt sich dabei auf neuere Erkenntnisse aus der Motivations- und Grundbedürfnisforschung. Er knüpft dabei an die auf der INFAP3-Konferenz im Jahr 2018 entwickelte Komplextagung an (Meier, 2019). Darüber hinaus wird ein Modell vorgestellt, das es ermöglicht, Komplexe in einer »Komplexlandkarte« differenzierter zu erfassen. Mithilfe dieses Modells können Komplexe in ihrer Struktur und Dynamik systematischer beschrieben und zugleich in Beziehung zu OPD-3- Konfliktmustern gesetzt werden, sodass ein direkterer Vergleich zwischen Komplexen und OPD-Konflikten möglich wird.
Schlüsselwörter: Komplex, OPD-Konflikt, Grundbedürfnisse, basale Motive, Motivationssysteme
Christian Roesler
Die Transformation der Beziehung zwischen Ich und Komplex in Traumserien aus analytischen Psychotherapien
Empirische Ergebnisse aus dem Forschungsprogramm »Strukturale Traumanalyse«
Zusammenfassung: Auf der Basis von Daten und Erkenntnissen aus dem Forschungsprogramm »Strukturale Traumanalyse (STA)« wird das Auftauchen von Komplexen in symbolischer Darstellung in Traumserien aus Psychotherapien untersucht. Es zeigt sich ein systematischer Zusammenhang zwischen den pathologischen Komplexen der Person, die in der Psychotherapie bearbeitet werden, und ihrer Darstellung in den Träumen, die die Anfangsphase der Therapie dominieren. Diese Traummuster sind dadurch charakterisiert, dass das Traum-Ich bedroht und verfolgt wird und keine Strategie hat, sich gegen die Bedrohung zu wehren, oder aber mit einer Anforderung konfrontiert ist, an der es scheitert. Die Problematik der Person zeigt sich hierbei im Traum insbesondere in dem Verhältnis zwischen Traum-Ich und der den Komplex repräsentierenden Figur, mit der das Traum-Ich bei gelingenden Therapieverläufen zunehmend in eine Konfrontation geht und diese schließlich bewältigt, woraufhin das Muster/Motiv verschwindet. Dies wird verstanden als eine Zunahme der Ich-Stärke und eine zunehmende Integration des ursprünglichen Komplexes. Diese Erkenntnisse werden diskutiert vor dem Hintergrund des Jung’schen Psychotherapiemodells und spezifischer Therapiemethoden wie der Aktiven Imagination, bei der die Person darin unterstützt wird, mit inneren Anteilen in eine aktive Auseinandersetzung zu gehen.
Schlüsselwörter: Komplex; Traum; Traumforschung; Jung’sches Psychotherapiemodell; Aktive Imagination
Christian Roesler
Klassische Fälle der psychoanalytischen Traumdeutung reanalysiert
Zusammenfassung: Berühmte Falldarstellungen mit ihren Traumserien aus der Geschichte der Psychoanalyse werden vorgestellt (etwa Amalie X aus der Ulmer Textbank oder Wolfgang Pauli von C. G. Jung) und mit der wissenschaftlichen Methode der Strukturalen Traumanalyse (STA) reanalysiert. Obwohl die Traumserien aus sehr unterschiedlichen analytischen Behandlungskontexten und historischen Epochen stammen, erweisen sie sich in der Strukturalen Analyse als insgesamt sehr ähnlich, was teilweise auch den Darstellungen der ursprünglichen Autoren widerspricht. Die Ergebnisse der statistischen Auswertung mit STA sind konsistent mit den belastbaren Informationen zum Verlauf und Erfolg der Therapien. Insofern werden die Methodologie und das theoretische Modell der STA unterstützt.
Schlüsselwörter: Traumdeutung; Fallberichte; Geschichte der Psychoanalyse; Strukturale Traumanalyse
Birgit Heintz
Komplex, Trauma, zwischenleibliche Prozesse und Symbolisierungen in der pferdegestützten Psychotherapie
Zusammenfassung: In einer prospektiven Mixed-Methods-Studie zur pferdegestützten Psychotherapie, durchgeführt in Kooperation mit der Sigmund Freud PrivatUniversität Linz (2021–2024), zeigte sich, dass das Einbeziehen von Pferden insbesondere für PatientInnen mit Traumafolgestörungen eine wirksame Ergänzung zu primär sprachbasierten psychotherapeutischen Verfahren darstellt. Nach einer kurzen Beschreibung der zentralen Wirkfaktoren pferdegestützter Psychotherapie werden das Komplexkonzept C. G. Jungs und der Traumabegriff als phänomenologisches Kontinuum eingeführt. Schließlich wird die Bedeutsamkeit der Berücksichtigung leiblicher Phänomene in psychodynamischen und vor allem traumatherapeutischen Therapien beleuchtet. Der Einsatz von Pferden in der Psychotherapie traumatisierter PatientInnen wird anhand klinischer Vignetten und über Auszüge aus der persönlichen Dokumentation einer Patientin illustriert.
Schlüsselwörter: Komplex, Trauma, Embodiment, Zwischenleiblichkeit, Resonanz
Arthur Niesser
Vorteile der Online-Psychoanalyse
Zusammenfassung: Seitdem Teleanalyse verfügbar ist, wird die Frage diskutiert, ob sie eine akzeptable Methode zur Durchführung von Analysen sein kann. Merchant et al. (2016) kamen zu dem Schluss, dass »die wesentlichen Elemente eines echten analytischen Prozesses nicht unbedingt ausgeschlossen sind« (S. 1). In diesem Beitrag geht der Autor einen Schritt weiter und untersucht die potenziellen Vorteile der Teleanalyse. So könnten zum Beispiel Patienten mit einer Vorgeschichte von körperlichem oder sexuellem Missbrauch, die die Distanz zu schätzen wissen, von diesem Angebot profitieren. Ebenfalls untersucht wird das Potenzial eines »sicheren Raumes« für die Arbeit mit erotischen Übertragungen. In einem weiteren Abschnitt geht es darum, dem Analytiker die Freiheit zu geben, auf eine Weise zu praktizieren, die zu seiner Persönlichkeit passt. Außerdem wird das Konzept des interaktiven Feldes unter Einschluss technischer Medien untersucht, die ebenfalls syn chronistischen Ereignissen unterworfen sind. Abschließend gibt der Autor Beispiele für eine tiefe Verbindung zwischen Patient und Analytiker, die trotz der physischen Distanz zustande kam.
Schlüsselwörter: Fernanalyse; interaktives Feld; erotische Übertragung; Synchronizität; Distanz; Authentizität; sexueller Missbrauch
Gerhard Burda
C. G. Jung und das 21. Jahrhundert: eine Synopse
Zusammenfassung: Jungs Theorie mit dem Fokus auf das Individuum kann als Reaktion auf Subjektivierungen thematisiert werden, d. h. als Reaktion auf die kollektiv wirksamen religiösen, politischen und wissenschaftlichen Normierungsverhältnisse seiner Zeit, von denen er sich abzuheben versuchte. Der Individualismus, der auch bei Nietzsche und anderen zu finden ist, wirkt wie das Symptom für etwas Unterdrücktes, dessen Auftauchen sich spätestens ab der Neuzeit als »programmatische Individualisierung« (Beck) ankündigt, ohne je ihrem Namen gerecht zu werden. Die damit verbundene Spannung zwischen dem Psychischen und dem Politischen begegnet uns aktuell im Zusammenhang mit progressiven Identitätspolitiken wieder. Mein Text setzt diese Spannung in Beziehung zur kulturkonstruktivistischen Kritik am Konzept des kollektiven Unbewussten und der Archetypentheorie (Rösler 2025), um diese Kritik ihrerseits einer Kritik zu unterziehen. Dabei werden das Verhältnis von Subjekt, Individuum und Gemeinschaft, sowie das Archetypenkonzept einer Neubewertung unterzogen.
Schlüsselwörter: Archetypentheorie, Konstruktivismus, Identitätspolitik, Subjektivierung, Individuum