Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie
Fachzeitschrift für Psychoanalyse und Tiefenpsychologie
Varianten des psychoanalytischen Arbeitens
Printausgabe – Heft 209, 57. Jg., 1/2026
Inhalt
Vorwort
Beitrag 1
Inge-Martine Pretorius
Aggression und innere Objekte
Beitrag 2
Ellen Lang-Langer
A Strangeness in my Mind
Beitrag 3
Reinhard Fatke
Die deutungsfreie Kinderpsychotherapie
Hans Zulligers »reine Spieltherapie« als eigenständiger kindertherapeutischer Ansatz auf psychoanalytischer Grundlage
Beitrag 4
Julia Stoll
Die Spaziergangbehandlung nach Zulliger als psychodynamische Therapietechnik in und jenseits der Pandemie
Beitrag 5
Gabriele Teckentrup
Im transgenerativen Migrationsprozess – Adoleszenz zwischen den Kulturen
Beitrag 6
Hans-Geert Metzger
»Let it be.«
Über einen Trauerprozess bei Paul McCartney in den Songs der Beatles«
Beitrag 7
Forum
Annegret Wittenberger
Freud, Dora und der Kleine Hans
Psychoanalyse mit Kindern und Jugendlichen damals und heute
Die Autorinnen und Autoren des Heftes
Ankündigungen
Aggression und innere Objekte
Die unterschiedlichen Auffassungen über Aggression verdeutlichen die großen Unterschiede zwischen den psychoanalytischen Denkschulen. Dies hat weitreichende Auswirkungen auf das Verständnis der Entwicklung des Selbst, der inneren Objekte und der Psychopathologie sowie auf die therapeutische Behandlungstrechnik. In diesem Beitrag werden das Wesen der Aggression, ihre Verbindung zur synthetischen Funktion des Ich und zur libidinösen Objektkonstanz in erster Linie aus einer Anna-Freud’schen Perspektive betrachtet. Es werden kurze Anmerkungen zur Behandlungstrechnik gemacht, die für die Behandlung von Störungen der Objektkonstanz geeignet sind. Die Theorie wird anhand von Auszügen aus der Psychotherapie einer 21-jährigen jungen Frau veranschaulicht, die sich mit einer gestörten Objektkonstanz vorstellte. (Der Einfachheit halber bezeichne ich die Hauptbezugsperson als »sie« oder »Mutter« und das Baby und Kind als »er«, wobei ich mir bewusst bin, dass die Hauptbezugsperson ein Mann und das Kind ein Mädchen sein kann.)
Schlüsselwörter: Aggressionen, Objektkonstanz, Psychotherapie, Psychodynamik, Behandlungstechnik
Ellen Lang-Langer
A Strangeness in my Mind
In dieser Arbeit geht es um die in einer Depression andrängenden und in multipler Symptombildung zum Ausdruck kommenden, zugrunde liegenden traumatischen Erfahrungen. Es wird die in hypochondrischer Symptombildung sich manifestierende Depression und ihr transgenerationeller Hintergrund in der Behandlung eines siebzehnjährigen jungen Mannes beschrieben.
Schlüsselwörter: Depression, Symptombildung, Transgenerationelles Trauma, Hypochondrie, Schutzschild
Reinhard Fatke
Die deutungsfreie Kinderpsychotherapie
Hans Zulligers »reine Spieltherapie« als eigenständiger kindertherapeutischer Ansatz auf psychoanalytischer Grundlage
Hans Zulligers deutungsfreie Kinderpsychotherapie stellt jenseits von Melanie Klein und Anna Freud einen eigenständigen Ansatz zur analytisch-therapeutischen Behandlung von Kindern dar. Nach einer kurzen biografischen Skizze von Zulliger als Psychoanalytiker und Dorfschullehrer wird ein ausführliches Fallbeispiel mit anschließender Interpretation präsentiert. Daran anschließend wird die Wirkungsweise seiner deutungsfreien Therapie untersucht. Dabei wird auf die Beeinflussung von Selbst- und Objektrepräsentanzen eingegangen sowie darauf, wie die primärprozesshafte Besetzung der Objekte auf die Bildung von sekundärprozesshaften Vorstellungen wirkt. Im Mittelpunkt des Beitrags steht dann eine genauere Analyse der Unterschiede zwischen dem behandlungstechnischen Deuten bei Melanie Klein und bei Anna Freud einerseits und dem Nicht-Deuten bei Hans Zulliger andererseits. Abschließend werden die Grundvoraussetzungen für eine deutungsfreie Kinderpsychotherapie zusammengefasst.
Schlüsselwörter: Kinderpsychotherapie, Psychoanalyse, Deuten, Spielanalyse, Melanie Klein, Anna Freud
Julia Stoll
Die Spaziergangbehandlung nach Zulliger als psychodynamische Therapietechnik in und jenseits der Pandemie
Die Psychotherapie von Kindern und Jugendlichen ab ca. zehn Jahren stellt von je her eine besondere Herausforderung dar. Unter den schwierigen Bedingungen der Pandemie wurden neue, aber auch alte Wege erprobt. Der Artikel stellt anhand von sieben Fallgeschichten die Chancen und Grenzen der Behandlungstechnik »Spaziergangbehandlung« dar, die erstmals von Hans Zulliger beschrieben wurde.
Schlüsselwörter: Pandemie, Jugendliche, Behandlungstechnik, Spaziergang, Hans Zulliger
Gabriele Teckentrup
Im transgenerativen Migrationsprozess – Adoleszenz zwischen den Kulturen
Migration stellt auch an die nachfolgenden Generationen besondere psychische An- und Herausforderungen. Im Folgenden gehe ich der Frage nach, welche psychische Bedeutung und Auswirkungen Migration, das heißt zwischen unterschiedlichen Kulturen aufzuwachsen, insbesondere für weibliche Jugendliche, hat. Welchen Einfluss hat Migration für deren adoleszente Entwicklung und Identitätsfindung, auch, wenn nicht sie selbst migriert sind und sie das Herkunftsland ihrer Familie häufig nur aus Erzählungen kennen? Die Jugendlichen der Dritten Generation sind oftmals Erbinnen der Botschaften und Traumata der vorangegangenen Generationen, ihrer Erfahrungen mit Migration. Transgenerational tragen sie die mit der Migration verbundenen Erwartungen und Enttäuschungen in sich, ebenso wie die dabei erfahrenen Traumata. Am Beispiel einer psychoanalytischen Behandlung einer Jugendlichen soll gezeigt werden, wie sich die Migrationserfahrungen ihrer Großeltern und Eltern im therapeutischen Beziehungsgeschehen entfalten und in welcher Weise diese Erfahrungen für die psychische Entwicklung der Jugendlichen wirkmächtig geblieben sind.
Schlüsselwörter: Migration, Adoleszenz, transgenerationale Weitergabe, Kulturalisierung, Identitätsdiffusion
Hans-Geert Metzger
»Let it be.«
Über einen Trauerprozess bei Paul McCartney in den Songs der Beatles
Ein psychoanalytischer Blick auf einige Texte der Beatles: Es wird eine Lebensphase von Paul McCartney analysiert, die von einem Objektverlust in der Adoleszenz und zugleich von dem Aufstieg der Beatles zu einer weltbekannten Band geprägt ist. Der Verlust wird zunächst abgewehrt, bis er zuerst in einem Traum und daran anschließend in einem Song von McCartney Ausdruck findet. In verschiedenen von McCartney inspirierten Songs der Beatles lässt sich das Thema des Verlustes weiter verfolgen. Die Songs stellen eine psychodynamische Verdichtung und einen zunehmend bewussteren Umgang mit dem Thema dar. Die psychische Verarbeitung der Trauer führt schließlich zu einer Aneignung des verlorenen Objekts, die es möglich macht, mit neuen Krisen zuversichtlicher umzugehen.
Schlüsselwörter: Verlust, Abwehr und Verarbeitung von Trauer, Psychodynamik in Popsongs
Forum
Annegret Wittenberger
Freud, Dora und der Kleine Hans –
Psychoanalyse mit Kindern und Jugendlichen damals und heute
Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, hat neben umfangreichen theoretischen Schriften auch eine Reihe faszinierender Fallstudien verfasst. Darunter finden sich eine Kinderbehandlung und eine Analyse mit einer Jugendlichen. Mehr als hundert Jahre sind seit diesen Fallberichten über die adoleszente »Dora« und den »Kleinen Hans« vergangen. Aus heutiger Sicht interessiert mich, wie sich die Arbeit des analytischen Paares in diesen frühen Analysen zeigt, und welche Möglichkeiten sich daraus für unsere analytische Arbeit heute ergeben.
Schlüsselwörter: neurotische Entwicklungsstörungen, Kinderanalyse, Jugendlichenanalyse, Entwicklung der analytischen Theorie und Technik