Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie
Fachzeitschrift für Psychoanalyse und Tiefenpsychologie
Suche nach Verbundenheit
Printausgabe – Heft 210, 57. Jg., 2/2026
Inhalt
Vorwort
Hans-Jürgen Wirth
Adoleszente Identitätskrisen – gestern und heute
Zukunftsängste, Verlusterfahrungen und konstruktive Verarbeitung
Arne Burchartz
Jeder seines Glückes Schmied?
Omnipotenz, Angst, Vereinzelung und die Suche nach Verbundenheit
Anna Kravtsova
Wie wir unter Beschuss spielten.
Chronik der Arbeit einer Forschungsgruppe
René Langenberger
Der Lebensschatzberg – die Suche nach Verbindungen im kinderanalytischen Entwicklungsraum
Heilwig Parotat-Lorenz
Wenn Abstinenz keine Option mehr ist
Auswirkungen meiner Krebserkrankung auf die psychotherapeutische Arbeit mit Lukas
Jan van Loh
Epistemisches Vertrauen in künstliche Intelligenz
Buchsprechungen
Die Autorinnen und Autoren des Heftes
Ankündigungen
Adoleszente Identitätskrisen – gestern und heute
Zukunftsängste, Verlusterfahrungen und konstruktive Verarbeitung
Der Artikel untersucht adoleszente Identitätskrisen in historischer Perspektive und analysiert die Entwicklung der Jugendforschung von den 1980er-Jahren bis heute. Während jugendliche Protestbewegungen damals noch als Motor des gesellschaftlichen Wandels betrachtet wurden, richtet sich das Interesse heute auf die frühe Kindheit. Damals wie heute zeigt sich ein gespaltenes Zukunftsbild: Jugendliche äußern pessimistische Erwartungen hinsichtlich der gesellschaftlichen Entwicklung, blicken aber optimistisch auf ihre persönliche Lebensperspektive. Als sozialwissenschaftlicher Bezugsrahmen, um spätmoderne Identitätskrisen zu verstehen, wird die Verlusttheorie von Andreas Reckwitz herangezogen. Die Arbeit argumentiert, dass Verlusterfahrungen in der Postmoderne paradoxerweise durch Fortschrittsversprechen verstärkt werden. Für die konstruktive Verarbeitung von Verlusten sind Trauerprozesse und die Mentalisierung von Verlusten von zentraler Bedeutung. Der Beitrag plädiert für ein neues Menschenbild, das Verletzlichkeit als existenzielle Grundbedingung anerkennt und therapeutisch nutzbar macht.
Schlüsselwörter: Adoleszenz, Identitätsentwicklung, Psychoanalyse, Verlust, Mentalisierung.
Arne Burchartz
Jeder seines Glückes Schmied?
Omnipotenz, Angst, Vereinzelung und die Suche nach Verbundenheit
Ausgehend von Überlegungen zur Omnipotenz in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen geht der Autor der Ich-Ideal-Bildung unter den Bedingungen des Selbstoptimierungsdrucks in der Postmoderne nach, unter dem insbesondere Jugendliche stehen. Dies führt zu Schamängsten, die anhand dreier Falldarstellungen verdeutlicht werden. Eine zentrale These lautet: Unter den Bedingungen einer individualisierten Gesellschaft ist die Leitangst die Schamangst. Gleichwohl bleibt die Suche nach Verbundenheit eine grundlegende Motivation der menschlichen Spezies, sie ist allerdings nicht frei von Ambivalenzen.
Schlüsselwörter: Omnipotenz, Selbstoptimierung, Versagensangst, Scham, Isolation, Verbundenheit.
Anna Kravtsova
Wie wir unter Beschuss spielten.
Chronik der Arbeit einer Forschungsgruppe
Der Artikel berichtet über die Arbeit von ukrainischen Kinder- und Jugendlichen-Psychoanalytiker- und Psychoanalytikerinnen und illustriert deren Tätigkeit unter den Bedingungen eines andauernden, umfassenden Kriegs. Der Text beschreibt die Arbeit einer Gruppe aus Kolleginnen und Kollegen, welche sich im Herbst 2022 zu einem einzigartigen Forschungsprojekt zusammenschlossen, inspiriert von Bions Konzept des »Denkens unter Beschuss«. Ziel war es, einen kreativen, psychoanalytischen Raum zu bewahren und zu entwickeln – trotz Chaos, Zerstörung und existenzieller Bedrohung. Die Gruppe orientierte sich an der Idee, dass die Fähigkeit zu denken, zu fantasieren und zu spielen auch unter extremen Bedingungen erhalten bleiben muss, um Hoffnung und Entwicklung zu ermöglichen. Hierzu traf sich die Gruppe 14-tägig, um zunächst Fälle zu besprechen, in einem zweiten Schritt aber auch über den Gruppenprozess zu reflektieren.
Schlüsselwörter: Krieg, Trauma, Gruppensupervision, Bion.
René Langenberger
Der Lebensschatzberg – die Suche nach Verbindungen im kinderanalytischen Entwicklungsraum
Vorgestellt wird die Kinderanalyse eines fünfjährigen kumulativ traumatisierten Jungen mit Bindungsstörung, multiplen Ängsten und chronischer Schlaflosigkeit. Im hochfrequenten Setting der Behandlung wurde die Vergeblichkeit der »Suche nach Verbundenheit« in der Übertragung zum Therapeuten mit ausgeprägter Verneinung reinszeniert. Dargestellt werden die Prozesse des »Auftauens« und »Entgiftens« des eingefrorenen, traumatisch kontaminierten Beziehungswunsches, die Symbolisierung der Dynamik rund um ein Narrativ im Spiel, das Verstehen von »embodied memories« im Wagnis der Nähe und die Entwicklung einer »Fähigkeit zu trauern«. Ausgehend vom Text der Tagungsvorbereitungsgruppe mit dem Bezug zu einer spürbaren allgemeinen »kollektiven Entfremdung« und den damit zusammenhängenden aktuellen Herausforderungen in unserer Arbeit folgen Anmerkungen zu den Prozessen des »Zugrundegehens« von Patient und Therapeut im psychoanalytischen Behandlungsprozess und des Zugrundegehens unserer psychoanalytischen Profession.
Schlüsselwörter: unbewusste Fantasien, Transgenerationalität, Kastrationskomplex, negative Übertragung, psychoanalytische Behandlungstechnik.
Heilwig Parotat-Lorenz
Wenn Abstinenz keine Option mehr ist
Auswirkungen meiner Krebserkrankung auf die psychotherapeutische Arbeit mit Lukas
Vor Jahren wurde bei mir eine Krebserkrankung diagnostiziert, die mich wegen umfangreicher und sehr schwerer Behandlungen zwang, meine Praxistätigkeit für einen langen Zeitraum zu unterbrechen. Der klinische Vortrag befasst sich mit den Auswirkungen meiner Krankheit und der damit verbundenen traumatischen Erfahrungen auf mich hinsichtlich meiner Arbeit als Psychotherapeutin und also auch auf meine Patientinnenfamilien. Dabei stelle ich eine Einzelfallbetrachtung in den Mittelpunkt, nämlich die Behandlung von Lukas, der seinen Vater ein Jahr vor meiner Diagnosestellung an Krebs verloren hatte. Anhand von Sequenzen aus meinem Therapiezimmer werde ich beispielhaft illustrieren, wie ich mich als Therapeutin Lukas und seiner Mutter gegenüber weiterbewegt habe, in welche Verwicklung mein Patient, seine Mutter und ich unter diesen einschneidenden Umständen geraten sind und wie es gelang, den durch mein eigenes Trauma zwischenzeitlich beschädigten therapeutischen Raum wiederzugewinnen. Dabei werde ich Fragen von Abstinenz und Selbstenthüllung reflektieren, die Bedeutung der realen Beziehungen beleuchten, die unsere Patientinnenfamilien als Teil ihrer Therapien zu uns haben, die Relevanz der Anerkenntnis der eigenen Verletzlichkeit und Endlichkeit für eine gelingende psychotherapeutische Arbeit diskutieren und – auf der Suche nach Verbundenheit – den Umgang innerhalb der institutionalisierten Psychoanalyse mit dem Thema schwere Erkrankung von Psychotherapeuten betrachten.
Schlüsselwörter: Erkrankung des Psychotherapeuten, Abstinenz, reale Beziehung, Fehlerkultur in der Psychotherapie, Endlichkeit.
Jan van Loh
Epistemisches Vertrauen in künstliche Intelligenz«
Die Effekte der Nutzung von künstlicher Intelligenz (KI) auf Menschen aller Altersgruppen findet zunehmenden Niederschlag in psychodynamischen Behandlungen. Unter Rückgriff auf einen prominenten Fall, in dem ein Jugendlicher nach intensiver Nutzung von personalisierter KI-Suizid verübte, werden psychoanalytische, mentalisierungstheoretische, medientheoretische und philosophische Konzepte sowie der Ansatz des epistemischen Vertrauens herangezogen, um verallgemeinerbare psychodynamische Hypothesen für das Verständnis der Wirkung von KI auf Jugendliche zu entwickeln. Die entwickelten Hypothesen zur stets bejahenden Wirkweise der unbewusst anthropomorphisierten KI auf die Psyche werden in einem zweiten Schritt von deduktiv-induktiver Heuristik mit klinischem Fallmaterial konfrontiert. Ergebnis: Es scheint möglich, die Phänomene, die von personalisierter KI hervorgebracht werden, psychodynamisch zu durchdringen, angemessen therapeutisch zu explorieren und zu behandeln.
Schlüsselwörter: Mentalisierungstheorie, Mediensucht, künstliche Intelligenz, Mediale Introjekte, epistemisches Vertrauen.