Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie
Fachzeitschrift für Psychoanalyse und Tiefenpsychologie
Zwischen Beeinträchtigung und innerem Erleben
Printausgabe – Heft 211, 57. Jg., 3/2026
Inhalt
Vorwort
Beitrag 1
Manfred Gerspach
Psychoanalytische Pädagogik bei Kindern mit Behinderung
Beitrag 2
Maria Becker
Omnipotenzfantasien und ihre Bearbeitung in der therapeutischen Beziehung
Besonderheiten der psychoanalytischen Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderung
Beitrag 3
Bernd Ahrbeck
Behinderung und Psychotherapie
Beitrag 4
Werkstattbericht
Jakob Erne
»Musst dann halt schauen, wo du bleibst«
Beitrag 5
Patrick Meurs / Dennis Schäfer / Stefanie Hesemans / Dilan Çınar / Constanze Rickmeyer / Felicitas Hug / Tamara Fischmann / Terry Meyer / Judith Lebiger-Vogel
Komplex traumatisierte Kinder in der psychoanalytischen Kindertherapie
Die zentrale Rolle des Als-ob-Spielmodus im therapeutischen Prozess
Buchsprechungen
Die Autorinnen und Autoren des Heftes
Ankündigungen
Manfred Gerspach
Psychoanalytische Pädagogik bei Kindern mit Behinderung
Geistige Behinderung ist keine Krankheit, sondern bezeichnet allein die Begrenztheit der intellektuellen Möglichkeiten, die sich in den sozialen Raum ausdehnt. Unsere Erwartung an Kinder mit einer Behinderung setzt sich aus einem Gemisch von Wissen, Nichtwissen, Ratlosigkeit und Projektionen zusammen. Zudem hinterlässt die große Enttäuschung der Eltern, dass ihr reales Kind ganz anders ist, als sie es sich in ihren Fantasien von einem idealen Kind vorgestellt haben, bei ihm eine tiefe Kränkung, was im pädagogischen Feld zu einer Reproduktion der frühen Erfahrung führt. Mit Hilfe des szenischen Verstehens kann ein fördernder Dialog erwachsen, der die Befreiung aus den festgefahrenen Beziehungsfallen ermöglicht.
Schlüsselwörter: Psychoanalytische Pädagogik, geistige Behinderung, szenisches Verstehen, fördernder Dialog.
Maria Becker
Omnipotenzfantasien und ihre Bearbeitung in der therapeutischen Beziehung
Besonderheiten der psychoanalytischen Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen mit Behinderung
In der psychoanalytischen Arbeit mit von schwerer Behinderung betroffenen Kindern und Jugendlichen ist die Auseinandersetzung mit der Gegenübertragung von zentraler Bedeutung und zugleich erschwert. Die verwirrenden und oftmals sinnlos erscheinenden Verhaltensweisen der behinderten Patient:innen lösen häufig Gefühle von Ratlosigkeit, Ohnmacht und tiefer Unsicherheit aus. In Reaktion darauf kann die Therapeut:in unbewusst in die Rolle der »allmächtigen Therapeut:in« geraten. Diese ist durch kollektiv verankerte Allmachtsvorstellungen abgesichert. Mittels des szenischen Verstehens können die Inszenierungen des therapeutischen Paares auf der präreflexiven Ebene als Handlungsdialoge eine Fassung erhalten. Die sprachliche Reflexion in der Therapeut:in ermöglicht eine Auseinandersetzung mit der Rolle der »allmächtigen Therapeut:in«. Hierdurch kann die in den verwirrenden Verhaltensweisen verborgene Intention der Patient:in im gelingenden Containing als sinnhafte Gesten deutlich und so von der Patient:in als sinnlich-symbolische Form internalisiert werden. Dieser Prozess soll mittels einer exemplarischen Fallvignette mit einem elfjährigen Jungen und einer über acht Jahre dauernden Therapie nachvollziehbar werden.
Schlüsselwörter: Omnipotenz, Behinderung, Versagensängste, Gegenübertragung, szenisches Verstehen.
Bernd Ahrbeck
Behinderung und Psychotherapie
Menschen mit Behinderung sind erhöhten psychischen Belastungen ausgesetzt. Ihre psychotherapeutische Versorgung ist deshalb eine dringliche Aufgabe. Spezielle Gruppen bedürfen einer besonderen Zuwendung, wie anhand von geistig behinderten und gehörlosen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen ausgeführt wird. Eine Psychotherapie setzt einen Behandlungsauftrag voraus, der sich anhand ausgewiesener Kriterien definiert. Zugleich wird dafür plädiert, auch an einem klaren Behinderungsbegriff festzuhalten. Vor einer Dekategorisierung wird gewarnt.
Schlüsselwörter: Behinderung, Psychotherapie, Dekategorisierung, geistige Behinderung, Gehörlosigkeit.
Patrick Meurs / Dennis Schäfer / Stefanie Hesemans / Dilan Çınar / Constanze Rickmeyer / Felicitas Hug / Tamara Fischmann / Terry Meyer / Judith Lebiger-Vogel
Komplex traumatisierte Kinder in der psychoanalytischen Kindertherapie
Die zentrale Rolle des Als-ob-Spielmodus im therapeutischen Prozess
Ein komplexes Beziehungstrauma entsteht, wenn Kinder wiederholt und über längere Zeiträume unter, auf die Beziehung zu ihren Eltern zurückzuführenden, sehr belastenden Umständen aufwachsen. Diese Form der Traumatisierung wird auch als Bindungs- oder Entwicklungstrauma bezeichnet. Bei Pflege- und Adoptivkindern gehen diese mit einem teilweisen, vorübergehenden oder dauerhaften Abbruch der primären Bindungsbeziehungen einher. Diese Traumata haben Auswirkungen auf die inneren Arbeitsmodelle der Bindung und die neuro-psychophysiologischen Systeme, die bei Stress-, Selbst- und Emotionsregulation aktiviert werden. Gerade wegen der weitreichenden biopsychosozialen Auswirkungen besteht die Gefahr, dass diese Arbeitsmodelle und neuro-psychophysiologischen Reaktionen in neuen Bindungsbeziehungen reaktiviert und aktiv szenisch wiederholt werden. Die Falldarstellung einer psychoanalytischen Psychotherapie mit einem neunjährigen Pflegekind zeigt, wie der Als-ob-Spielmodus von zentraler Bedeutung ist bei der Entwicklung von Mentalisierung.
Schlüsselwörter: komplexes Trauma, Bindungstraumatisierung, Als-ob-Spiel, Mentalisierung, Pflege- und Adoptivkinder.