Luzifer-Amor
Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse
Eisenbahn
Printausgabe – Heft 77, 39. Jg., 1/2026
Inhalt
Editorial
Schwerpunkt:
Eisenbahn
Kai Rugenstein
Zum Zug
Das Eisenbahn-Motiv bei Freud
Joachim Küchenhoff
Weichenstellungen und Unfälle: Freuds Zusammenstöße mit Fachkollegen und sich selbst im Spiegel der Eisenbahnkrankheit um 1886
Timo Storck
In einem Zug …?
Anschlüsse und alternative Routen für das Verfassen einer psychoanalytischen Konzeptgeschichte
Christfried Tögel
Alexander Freud – Experte für Fahrpläne und Tarife
Dominic Angeloch
Im Zuge der Erinnerung
Über einige Theorien des Gedächtnisses und Erinnerung als literarische Form bei Venedikt Vasiljevič Erofeev
Gilbert Beronneau
»Meine ganze Libido gilt Österreich-Ungarn.«
Zum historischen Wertpapier der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn
Kai Rugenstein und Timo Storck
Ein Eisenbahnrätsel
Aus der Forschung
Andreas Seeck
Das Unbewusste und die Psychologie –
Sigmund Freud rezipiert Theodor Lipps
Manfred Klemann
Die Harzreise des »geheimen Komitees« 1921.
Eine Spurensuche mit Überraschungen
Frederick Arthur Jack Simon und Anna-Isabel Fuss
Hilde Lewinsky – Leben und Werk (1907–1956)
Michael Lacher
Hans Molinski als Transatlantiker und Pionier einer gynäkologischen Psychosomatik
Mariangela Kamnitzer Bracco
Endlich hat Freud Portugiesisch gelernt!
Zu Freuds Übersetzung ins Portugiesische
Kleine Mitteilungen
Michael Molnar
»... weggeschrieben und weggesorgt ...«
Zum 5. Band der Brautbriefe von Sigmund Freud und Martha Bernays
Lothar Müller
Zwei Nachbarschaften in der Berggasse 19
Monika Pessler
Endlich hat Freud Portugiesisch gelernt!
Zu Freuds Übersetzung ins Portugiesische
Rezensionen und Anzeigen
Tögel/Kogel: Sigmund Freud in den Augen anderer. Biographische Vignetten mit etwas Tratsch. (Mühlleitner)
Reichmayr (Hrsg): Parin-Matthèy, Goldy, Spanienkämpferin, Anarchistin, Psychoanalytikerin. Schriften 1939−1989. Beiträge zu Leben und Werk. (Mühlleitner)
von Braun/Held: Kampf ums Unbewusste. Eine Gesellschaft auf der Couch. (Hoffmann)
Steinecke: »… an der Fläche jener anderen Seele …« – Entwicklung und Möglichkeiten Psychoanalytischer Pädagogik. (Böllinger)
Quindeau: Psychoanalyse und Antisemitismus. (Böllinger)
Weitere Neuerscheinungen und Neuauflagen
Kai Rugenstein
Zum Zug
Das Eisenbahn-Motiv bei Freud
Der Beitrag geht dem Eisenbahn-Motiv im Leben und Werk Sigmund Freuds nach. Ausgehend von der Eisenbahn als prägender Kulturerfahrung des 19. Jahrhunderts wird die Spur der Eisenbahn in der Freud’schen Biografie aufgenommen und rekonstruiert, wie diese über Freuds Selbstanalyse wohl den Weg in sein Werk fand, um dort schließlich zu einer Metapher für das Psychoanalysieren ausgearbeitet zu werden. Schließlich werden die konzeptuellen, intertextuellen und historischen Bezüge der Eisenbahn-Metaphorik genauer untersucht.
Joachim Küchenhoff
Weichenstellungen und Unfälle:
Freuds Zusammenstöße mit Fachkollegen und sich selbst im Spiegel der Eisenbahnkrankheit um 1886
Die neue und revolutionäre Technik der Eisenbahn bewegt die Gemüter im 19. Jahrhundert. Wie nicht anders zu erwarten, ranken sich viele Phantasien um sie. Von psychiatrischer Seite werden verschiedene Krankheitsbilder auf die Erschütterungen durch die Bahnwaggons zurückgeführt, vor allem die railway spine und der railway brain. Verdichtet lassen sich Phantasien und Eisenbahn-Krankheiten am literaturhistorisch bedeutsamen Bahnunfall von Staplehurst zeigen, in den 1865 Charles Dickens verwickelt war. Die Wissenschaft der Zeit bemüht sich um eine Einordnung: handelt es sich um eine mechanische Schädigung, um eine traumatische Neurose oder um eine Hysterie? Sehr genau spiegeln sich die vom Zeitgeist geprägten diagnostischen Ansätze in der Debatte um die Eisenbahnkrankheit wider. Sigmund Freud, frisch von Charcot kommend, beteiligt sich an den Kontroversen. Im Oktober 1886 hält er den berühmten Vortrag vor der Ärztegesellschaft in Wien und stellt einen Fall vor. Dieser Vortrag wurde kritisiert, Freud hat sich nachträglich zum Heroen stilisiert, der sich für die männliche Hysterie stark macht. Das Krankheitsbild ist zu dieser Zeit aber weit akzeptiert. Vielmehr ist es Freuds Verhalten gegenüber den Wiener Kollegen, das den Unmut auslöst. Die Kluft zwischen der Psychiatrie und der Psychoanalyse öffnet sich im Jahre 1886.
Timo Storck
In einem Zug ...?
Anschlüsse und alternative Routen für das Verfassen einer psychoanalytischen Konzeptgeschichte
Der Beitrag widmet sich der methodologischen Skizze einer psychoanalytischen Konzeptforschung, die das »raumzeitliche Eigenleben« der Konzepte berücksichtigt. Am Beispiel der Freudschen Formulierung des »einzigen Zugs« (bzw. der Identifizierung damit), die von Lacan als »einzelner Zug« in einen anderen theoretischen Kontext gestellt worden ist, wird aufgezeigt, wie sich ein Konzeptverständnis und ein Konzeptgebrauch über die Zeiten (1921 bzw. die 1950er-/60er-Jahre) und über die psychoanalytischen Regionen und damit Denktraditionen (Wien/Paris) wandelt und dadurch dem Konzept Wesentliches zutage tritt.
Christfried Tögel
Alexander Freud – Experte für Fahrpläne und Tarife
Der Beitrag beschäftigt sich erstens mit der beruflichen Karriere Alexander Freuds, die ihn zum führenden Fachmann Österreich-Ungarns für Eisenbahn- und Schiffstarife werden ließ. Sie begann 1882 bei Roths Coursbuch, führte über die Redaktion des Allgemeinen Tarifanzeigers, die Exportakademie – dem Vorläufer der Wirtschaftsuniversität Wien – zum Tarifreferenten der Handelskammer Wien sowie des Zentralverbandes der Industriellen Österreichs. Sein Hauptwerk war das Eisenbahn-Stationsverzeichnis zu Artaria’s Eisenbahn- und Post-Communications Karte von Österreich-Ungarn. Es enthielt sämtliche für den Personen- und Güterverkehr eröffneten Stationen in der Donaumonarchie und Angaben zu ihrer politischen Lage und der übergeordneten Eisenbahnverwaltung und erschien im Jahr 1897. Zweitens wird die Rolle Alexanders als Reisegefährte seines Bruders Sigmund behandelt und das persönliche Verhältnis zwischen beiden Brüdern.
Dominic Angeloch
Im Zuge der Erinnerung
Über einige Theorien des Gedächtnisses und Erinnerung als literarische Form bei Venedikt Vasiljevič Erofeev
Während Erinnerung gemeinhin als etwas weitgehend Unproblematisches, klar Umgrenzbares aufgefasst wird, rückt das Nachdenken über das Wesen von Erinnerung und Gedächtnis seit der Antike ein Verständnis in den Blick, das wesentlich dynamischer, aber auch abgründiger ist. Erinnerung und Gedächtnis erscheinen hier ephemer und wesentlich prozessual, damit auch fragwürdiger. Das Rätsel der Erinnerung – und dann die Wiederherstellung eines Gedächtnisses unserer Konflikte – ist der erste und eigentliche Gegenstand der Psychoanalyse, theoretisch ebenso wie praktisch. Der vorliegende Beitrag skizziert zunächst einige Theorien der Erinnerung von Aristoteles über Husserl und Freud bis zu Derrida und Fisher. Vor diesem Hintergrund unternimmt er eine Lektüre von »Moskau – Petuški«, dem 1973 erstveröffentlichten einzigen Roman des russischen Autors Venedikt Vasiljevič Erofeev, der in der Sowjetunion erst während der Perestrojka offiziell erscheinen konnte. Dessen eigentlichen Inhalt – und zugleich seine subversive Sprengkraft – macht die Lektüre des Romans in der spezifischen Weise der Verschaltung des Rätsels persönlicher Erinnerung mit denen der großen Geschichte aus. Vermittels der literarischen Form und mit literarischen Mitteln entwirft Erofeevs Roman – im Versuch des Vollzugs der Erinnerung seines Protagonisten – eine Theorie der Erinnerung: Erzählen ist hier (der Versuch der) Erinnerung, und Erinnerung heißt Erzählen.
Andreas Seeck
Das Unbewusste und die Psychologie –
Sigmund Freud rezipiert Theodor Lipps
Sigmund Freud war in den Jahren ab 1895 bestrebt, eine allgemeine, »hinter das Bewusstsein führende« Theorie des Psychischen zu entwickeln. Seine Metapsychologie sollte naturwissenschaftlich sein, was für ihn hieß, dass Psychisches auf Physisches – letztlich auf Mechanik – zurückgeführt werden musste. Mit diesen Anforderungen war Freud in eine schwierige Situation geraten, die als ein Trilemma beschrieben werden kann. Der Entwurf von 1895 dokumentiert sein Scheitern daran. Ab Sommer 1898 bekam er jedoch durch die Lektüre von Grundtatsachen des Seelenlebens (1883) und zweier weiterer Schriften des Philosophen und Psychologen Theodor Lipps (1851–1914) wichtige Denkimpulse: Es können drei theoretische Schritte ausgemacht werden, die nicht nur den Ausweg aus dem Trilemma bedeuten, sondern die Freuds Begriff vom Unbewussten und dessen Rolle in der Psychologie nachhaltig prägten.– Die Auffassungen von Theodor Lipps können als wichtige Einflüsse auf die Entwicklung der psychoanalytischen Theorie angesehen werden.
Manfred Klemann
Die Harzreise des »geheimen Komitees« 1921.
Eine Spurensuche mit Überraschungen
Der Beitrag beschäftigt sich mit der sog. »Harzreise« des geheimen Komitees im Jahr 1921. Beschrieben werden Planung und Ablauf der Reise anhand von publiziertem Briefmaterial. Für den historisch informierten Leser bleibt der Neuigkeitswert des Beitrags insofern »überschaubar«. Andererseits gibt er doch manche reizvollen Einblicke in Gruppeninterna, die auch die menschliche Seite der Akteure beleuchten. Darüber hinaus werden anhand kleinerer Fundstücke und Richtigstellungen sowohl die Mühseligkeiten historischer Forschung illustriert, als auch ihre beglückenden Überraschungsmomente. Letzteres vor allem durch die Entdeckung eines Kunstraubs im Jahre 1923, der mit dem Namen eines Sohnes von Freud in Zusammenhang gebracht worden war.
Frederick Arthur Jack Simon und Anna-Isabel Fuss
Hilde Lewinsky – Leben und Werk (1907–1956)
Hilde Lewinsky wurde in Berlin geboren, erhielt ihre psychoanalytische Ausbildung in den 1940er-Jahren in Großbritannien und etablierte schließlich eine Privatpraxis in New York, wo sie im Alter von Mitte fünfzig verstarb. Während ihrer gesamten beruflichen Laufbahn veröffentlichte sie Artikel und hielt Vorträge auf internationalen psychoanalytischen Foren. Ihr Werk lässt sich grob in drei Kategorien fassen: referentiell interpretative Arbeiten, theoretisch-klinische Beiträge sowie Beobachtungen zur Psychopathologie des Alltagslebens. Ihr Lebensweg ähnelt dem vieler deutsch-jüdischer PsychoanalytikerInnen, die zur Emigration gezwungen waren; dennoch ist ihr posthumes Vergessensein innerhalb des psychoanalytischen Kanons nicht ohne Weiteres erklärbar. Der vorliegende Beitrag bietet eine kurze biografische Rekonstruktion, gefolgt von einem Überblick über Lewinskys psychoanalytische Arbeiten.
Michael Lacher
Hans Molinski als Transatlantiker und Pionier einer gynäkologischen Psychosomatik
Hans Molinski (1923–1994) ist auf verschiedene Weise für die Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland wichtig. Er kann als Pionier und Begründer der psychosomatischen Gynäkologie in der Bundesrepublik Deutschland bezeichnet werden, der zusammen mit anderen Lehrstuhlinhabern maßgeblich die Etablierung einer psychosomatischen Arbeitsweise in der Frauenheilkunde und Geburtshilfe umsetzte. Für die qualitative Sozialforschung (in der Medizin) hat er zudem eine bemerkenswert innovative, kreative und methodisch überzeugende Feldforschung ab den späten 1960er- Jahren an der Düsseldorfer Frauenuniversitätsklinik vorangetrieben. Zugleich ist er für die Geschichte der Psychoanalyse im Rheinland bedeutsam, weil er letztlich ein relationales, intersubjektives Denken in Ausbildung und Lehre in der dortigen institutionalisierten psychoanalytischen Landschaft nach der Rückkehr aus seinem mehrjährigen ausbildungsbezogenen USA-Aufenthalt u. a. bei H. S. Sullivan auf eine eigene Weise eingeführt hat. Es wird herausgearbeitet, dass Hans Molinski ein Transatlantiker war, der in die rheinische institutionelle Psychoanalyse in Form eines verkrusteten, damals mit sich beschäftigten und zugleich tief verunsicherten Ausbildungsinstitutes (als gesellschaftliche Objektivation) mit einer späteren orthodoxen Abwehrform eine damals moderne Psychoanalyse aus seiner Perspektive als ein Rückkehrer einbrachte. Er sorgte für Diskursanschlüsse, Debatten über Theorie und Technik einer auch psychodynamisch- psychiatrischen Behandlungslehre in Psychosomatik und Psychoanalyse im Rheinland. Alle diese Aspekte sollen anhand von Oral-History-Interviews mit Zeitzeugen seines Wirkens, aber auch anhand von Archivalien und seinen Schriften in dieser Arbeit dargestellt werden.
Mariangela Kamnitzer Bracco
Endlich hat Freud Portugiesisch gelernt!
Zu Freuds Übersetzung ins Portugiesische
Übersetzungen von Freuds Werken sind von großer Bedeutung für die Verbreitung der Psychoanalyse. In diesem Artikel schildert die Autorin den langen Weg bis zum Erscheinen hochwertiger Übertragungen direkt aus dem Deutschen ins brasilianische Portugiesisch ab dem Jahr 2010. Dieser Fortschritt zeugt von der Reife und Vitalität der brasilianischen psychoanalytischen Gemeinschaft, die es Freud ermöglichte, mit konzeptueller Strenge, aber zugleich mit fließender und eleganter Sprache Portugiesisch zu »sprechen«.