Rainer Gross
Sublimierung
Ein Grenzkonzept der Psychoanalyse
1. Auflage 2026
260 S., Paperback Großoktav (24 x 17 cm)
ISBN 978-3-95558-428-3
Sigmund Freud sprach von der Sublimierung als einem »Grenzkonzept der Psychoanalyse«. Der Begriff ist in seinem Werk präsent von den frühen Briefen an Wilhelm Fließ bis zu den Spätwerken. Sublimierung bedeutet für ihn einen reifen Abwehrmechanismus, aber sie gilt ihm auch als Motor jeglicher Kulturarbeit. Das Fehlen eines kohärenten Sublimierungskonzepts bei – und nach – Freud wurde und wird von vielen Autorinnen und Autoren moniert. Bis heute blieb die Sublimierung einerseits ein »Aschenputtel« der Metapsychologie (Civitarese), andererseits aber sei »die gesamte Psychoanalyse ein Effekt der Sublimierung« (André Green).
In diesem Buch wird die Entwicklung des Sublimierungsbegriffes sowohl in Freuds Werken als auch bei zahlreichen späteren Autorinnen und Autoren nachgezeichnet. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf den immer noch zu wenig rezipierten Arbeiten Hans Loewalds zum Thema als Bindeglied zwischen triebtheoretischen, ich-psychologischen und intersubjektiven Positionen zur Sublimierung: Für Loewald ist Sublimierung mehr als Abwehr und Triebverzicht – er feiert sie als Versöhnung zwischen frühen, präverbalen dyadischen Erfahrungen des Kindes und den reiferen Ich-Leistungen, zwischen Primärprozess und Sekundärprozess. Weitere aktuelle Arbeiten zur Sublimierung bis hin zur post-bionischen Feldtheorie werden ebenso vorgestellt wie Texte zur psychoanalytischen Theorie der ästhetischen Erfahrung und des kreativen Prozesses.
Abschließend bietet der Autor Überlegungen zu einzelnen ungeklärten Aspekten des Sublimierungsbegriffes und thematisiert die klinische Relevanz von Sublimierungsprozessen.
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Rainer Gross, Dr. med., Facharzt für Psychiatrie, Psychoanalytiker (WPV, IPA), Lehrtherapeut/POP. 35 Jahre Tätigkeit in der Akutpsychiatrie (bis Ende 2015 Primarius/Chefarzt in Hollabrunn). Seither in freier Praxis in Wien. Publikationen: Der Psychotherapeut im Film (2012); Angst vor der Arbeit – Angst um die Arbeit (2015); Heimat: Gemischte Gefühle (2019); Allein oder einsam? (2021) sowie zahlreiche Artikel und Buchbeiträge. |
Einleitung
Freud
Sublimierung: Kernkonzept und gleichzeitig Leerstelle der Metapsychologie?
Sublimierung in Freuds Gesammelten Werken
1904: Bruchstück einer Hysterie-Analyse
1905: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
1908: Die »kulturelle« Sexualmoral und die moderne Nervosität
1909: Über Psychoanalyse – Fünf Vorlesungen
1910: Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci
1912: Beiträge zur Psychologie des Liebeslebens II: Über die allgemeinste Erniedrigung des Liebeslebens
1912: Ratschläge für den Arzt bei der psychoanalytischen Behandlung
1913: Das Interesse an der Psychoanalyse
1913: Triebe und Triebschicksale
1913: Die Disposition zur Zwangsneurose
1914: Zur Einführung des Narzissmus
1915: Übersicht der Übertragungsneurosen
1916-17: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse
1918: Aus der Geschichte einer infantilen Neurose (Der »Wolfsmann«)
1921: Massenpsychologie und Ich-Analyse
1923: »Psychoanalyse« und »Libidotheorie«
1923: Das Ich und das Es
1923: Psychoanalyse und Libidotheorie
1926: Hemmung, Symptom und Angst
1930: Das Unbehagen in der Kultur
1933: Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse
1938: Abriß der Psychoanalyse: Sublimierung als eine von drei Möglichkeiten nach »Reorganisation der Libido-Ökonomie« durch »neuerliche Prüfung«
Das verblüffende Fehlen des Sublimierungsbegriffes in einzelnen Freud-Texten
Die wenigen Konstanten in Freuds Sublimierungspositionen
Fragestellungen/Problemfelder/Ideen
Gibt es unterschiedliche Reinheitsgrade der Sublimierung?
Spielen/Lernen/Arbeiten: Arbeit und Sublimierung
Das Konzept der Sublimierung: Nicht ausreichend geklärt, aber überlebensnotwendig für die Psychoanalyse?
Bei Freud bleibt die Triebregung primär – die Sublimierung daher letztlich nur sekundär als Abwehr
Sublimierung auf individueller und kollektiver Ebene
Zwischen Freud und Loewald
Offene Fragen zur Sublimierung – in Freuds Werk und bis heute?
Einzelne Positionen
Lou Andreas-Salomé (1912/1913/1917): Sublimierung zwischen schauderhafter Verklärung und Realisation unserer selbst
Siegfried Bernfeld (1922): Einige Bemerkungen über die Sublimierung
Siegfried Bernfeld (1931): Die genetische Identität der Formen bei der Sublimierung
Richard Sterba (1930): Frei verschiebbare Besetzungsenergie als höchste Stufe der Sublimierung
Edward Glover (1931): Sublimierung, Substitution und soziale Ängste
Edward Glover (1955): Zu Sublimierung und kulturellen Widerständen
Sándor Ferenczi (1932): Ohne Sympathie keine Heilung. Das klinische Tagebuch
Wilhelm Reich (1933): Zu Sublimierung, Reaktionsbildung und genitalem Charakter
Paul Federn (1936): Ich-Psychologie und die Psychosen
Barbara Lantos (1943): Arbeit und Triebe
Géza Róheim (1943): »Sublimation«
Otto Fenichel (1945), Band I: Sublimierung als erfolgreiche Abwehr oder: Das ungehinderte Fließen der Libido
Otto Fenichel (1945), Band III: Sublimierung und Charakteranalyse: Vom reaktiven Typus zum Sublimierungstypus
Heinz Hartmann (1955): Bemerkungen zur Theorie der Sublimierung
Melanie Klein (1957): Sublimierung/Symbolisierung/Wiedergutmachung
Donald Winnicott (1957): Sublimierungsprozesse mit Orgasmus?
Paula Heimann (1959)
Leo Rangell (1963): Sublimierung und Freundschaft
Jacques Lacan (1960): Zur Sublimierung (Die Ethik der Psychoanalyse. Seminar, Buch VII)
Paul Ricœur (1965): Die Frage der Sublimierung und die implizite Teleologie des Freudianismus
Frederick Hacker (1972): »Sublimation revisited«
Alexander Mitscherlich (1973): Sublimierung oder Triebunterdrückung?
Gertrude und Rubin Blanck (1974): Angewandte Ich-Psychologie
Heinz Kohut (1977): Die Heilung des Selbst
Jean Laplanche (1980): Sublimierung
Stavros Mentzos (1982): Neurotische Konfliktverarbeitung
Anna Freud und Joseph Sandler (1985): Zwischen Ich-Psychologie und Objektbeziehungstheorie
Psychoanalytische Ästhetik 1/Sublimierung und Kreativität
Ella F. Sharpe (1931): Über Sublimierung und Wahnbildung
Ernst Kris (1952): Die ästhetische Illusion
Edith Jacobson (1954) und Phyllis Greenacre (1967)
Kurt Eissler (1963): Die Synthese von maximalem Trieb und maximaler Vernunft
Hanna Segal (1952, 1957): Symbolisierungsfähigkeit, depressive Position und Sublimierung95
Nathan Adler (1986): Sublimierung und Sucht
Soll man das Konzept der Sublimierung vergessen?
Lawrence Kubie (1962): The fallacious misuse of the concept of sublimation
Theodor Reik (1945): Sublimierte Sexualität gibt es nicht
Zwischenbilanz – fünfzig Jahre nach Freud
Loewald
Versöhnung statt Verzicht? Hans Loewalds Konzept der Sublimierung
Stichworte zur Biographie
Loewalds Versuch einer Integration von Triebtheorie und Objektbeziehungsansatz
Zwischen Heidegger und Freud: Loewalds Versuch einer (unmöglichen?) Integration seiner beiden intellektuellen Väter
Hans Loewald (1988): Sublimierung als Versöhnung
Umwandlungen der Leidenschaft und ihre Schicksale
Theoretische Fortschritte
Sublimierung – ein Abwehrmechanismus?
Symbolisierung
Illusion
Subjektivität
Loewald mit Freud/gegen Freud? Schwerpunktverlagerung auf die präödipale Ebene
Freud und sein Unbehagen gegenüber der Figur der frühen, mächtigen Mutter
Zwischenbilanz: Freuds späte Triebtheorie aus Loewalds Sicht
Freud (1910/1938): Von Leonardo zu Moses, vom Hohelied der Sublimierung zum »Fortschritt in der Geistigkeit«
Zwei Modelle des psychischen Apparates/des therapeutischen Prozesses »Vertikales Modell« bzw. »Stufen zur Reife« oder »Horizontales Modell« bzw. »Wachstum durch Integration/Balance«
Positionen nach Loewald
Cornelius Castoriadis (2012): Die Entstehung des Individuums als gesellschaftliches Wesen
Antonio di Benedetto (1993): Sublimierung als Kunst der Transformation und Formalisierung
Stephen Mitchell (1995): Sublimierung und Neutralisierung
André Green (1999): Sublimierung zwischen Objektalisierung und Desobjektalisierung
Sublimierung als Liebesschicksal
Moralischer Narzissmus und Pseudo-Sublimierung
Salman Akhtar (2009): Charakteristika der Sublimierung
Robert Pfaller (2009): Sublimierung als sexualfreundliche kulturelle Kraft
Julia Kristeva (2015): Von Angst und Abscheu: Mächte und Grenzen der Sublimierung
Giuseppe Civitarese (2017): Über die Sublimierung
Claus-Dieter Rath (2019): Sublimierung und Gewalt
Sophie de Mijolla-Mellor (2021): Sublimierung als Gegenkraft zur Idealisierung?
Dominique Scarfone (2023): Der Begriff der De-Sexualisierung als Freuds Deus ex machina?
Giuseppe Civitarese und Angela Cappiello (2024): Sublimierung als wiedergewonnene Einheit – Loewald und Feldtheorie nach Bion
Peter Widmer (1990): Die Wichtigkeit der Sublimierung bei Lacan
Psychoanalytische Ästhetik 2
Reimut Reiche (2001): Psychoanalytische Ästhetik als Formarbeit
Lothar Bayer (2007): Sublimierung. Zur Metapsychologie ästhetischer Erfahrung
François Sirois (2008): Über ästhetische Erfahrung
Eckart Goebel (2009): Jenseits des Unbehagens. Sublimierung von Goethe bis Lacan
Sebastian Leikert (2012): Sublimierung als zentrales Konzept des ästhetischen Erlebens
Mathilde Girard (2019): Die Kunst der Sublimierung
Schöpferische Kreativität und Alltagskreativität
Psychoanalyse und Frankfurter Schule
Sublimierung: Der Preis der erfolgreichen Abwehr
Zum Verhältnis zwischen Kritischer Theorie und Psychoanalyse
Herbert Marcuse: Ein Philosoph zu Chancen und Gefahren der Sublimierung
Marcuse liest Freud mit Marx (1955): Triebstruktur und Gesellschaft
»Repressive Entsublimierung« in Marcuses Der eindimensionale Mensch (1964)
Odysseus hört den Gesang der Sirenen: Eine Parabel vom Sublimierungsprozess?
Orpheus als Alternative zu Odysseus oder: Sublimierung als Ergebnis erfolgreicher Trauerarbeit?
Klaus Heinrich (2001): Psychoanalyse
Axel Honneth (2010): Plädoyer für die Objektbeziehungstheorie
Amia Srinivasan (2025): Psychoanalyse als Rahmen einer politischen Kritik?
Weitere Überlegungen/Denkanstöße
Nachträglichkeit/Präsenz/ästhetische Erfahrung/Sublimierung
Warburg I: Sublimierung in Worte vs. Sublimierung in Bilder?
Aby Warburg: »Denkräume der Besonnenheit« und »Pathosformeln« als Zivilisationsfortschritt
Siri Hustvedt (2016): Ästhetische Erfahrung/Denken in Bildern
Warburg II: Selbstheilung durch Sublimierung? Ein Fallbeispiel
Das Denken in Bildern und das Denken in Worten
»Diese Schneidelust…« – Über die Sublimierung aggressiver/sadistischer Triebregungen
»Denkarbeit« durch Sublimierung sowohl erotischer als auch aggressiver Triebkräfte?
Things turned thoughts oder: Denken mit den Dingen – Denken durch die Dinge?
Bücher als Grenzobjekte?
Sublimierung in Raum/Zeit/Klasse: Ist Sublimierung immer kulturspezifisch
Sublimierung als Eliten-Programm: Der abschätzige (und neidische?) Blick auf die Massen oder »Genusswissen vs. Sublimierung«?
Sublimierung als Hilfe zur Entwicklung einer persönlichen Kultur?
Sublimierung als Anverwandlung der Kultur durch das Subjekt?
Vertikale und horizontale Komponente der Sublimierung
Sublimierung als Therapieziel: Steigerung der Leistungsfähigkeit und Genussfähigkeit?
Einladung zur Sublimierung als Teil einer psychoanalytischen Grundhaltung?
Literatur
